In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Das Unvorhersehbare

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Wer über ausreichend Weitblick, Gefühl und das rechte Maß an Phantasie verfügt, dem wird das Wenigste im Leben als unvorhersehbar erscheinen. Die Vorsehung zieht sich jedoch beleidigt zurück, sobald man ihr mit Statistik, Wunschdenken oder Hausverstand auf die Sprünge helfen möchte. Wenn es nur zwei Reiter der Apokalypse gäbe, hießen sie Hausverstand und gesunder Menschenverstand. Aber das ist eine andere Geschichte. Zudem mag sich ein Orakel nicht festnageln lassen. Einmal hielt ich es für eine gute Idee, Bruno Absorbanski und McMurphy miteinander bekannt zu machen. „Kein Vorname?“, fragte Bruno mit hochgezogener Augenbraue. McMurphy schüttelte langsam den aristrokatischen Schädel. Obschon ich…

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Das Mißliebchen

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Prolog Verdichtung muss durch Schichtung entstehen, nicht durch Dehnung. Jeder Takt verdoppelt, um klaustrophobische Enge zu zementieren, ohne den harten Aufschlag der Silben zu dämpfen. I. Statik Wand an Wand. Wand an Haut. Kaltes Echo in den Fugen. Mißliebchen kauert. Mißliebchen harrt. Der Raum wird eng, der Raum wird Fleisch. Die Zeit steht steif. Die Zeit wird Stein. Sekunden tropfen schweres Blei. Schatten rücken. Wände rücken. Das Zimmer atmet Staub der Jahre. Atem flach, flach, fest. Kein Entrinnen aus der Geometrie. II. Bruch Wort splittert. Wort schneidet. Die Zunge vergisst das Weiche, das Warme. Mißliebchen greift ins Leere, greift ins…

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Abglanz gefallener Engel

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Ab einem gewissen Alter beschleicht einen immer öfter das Gefühl, man hätte Sachen schon einmal erlebt. Nicht so ein magischer Moment von dem man Ohrensausen und Eingeweideflattern bekommt, nein, nein, kein Dèjá vu. Ein Dèjà vie eher. Ein Abgrund, der einem mit kaugummigebremster und bleierner Stimme entgegengähnt: „Das schon wieder!“ Manche stürzen sich deshalb kopfüber in noch nie dagewesene Abenteuer, erklimmen Achttausender ohne Sauerstoffgerät, schwimmen mit Alligatoren oder lernen Querflöte. Andere, die weniger Verwegenen, erstellen sich zumindest Listen, auf denen die zu bestehenden Abenteuer eingetragen und abgehakt werden können. Bernadette Pelzfuß hingegen gibt sich der Routine hin. Sie freut sich…

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Ein Pauschalfluch

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Herr Olf saß auf einer Parkbank, als diese unerwartet anfing, schlechte Reime zu deklamieren. Es war eine milde Maiennacht, doch der Pauschalfluch klebte an Olf wie alter Honig. Eigentlich wollte er nur schlafen, sich ausstrecken, doch sein Hut weigerte sich, vom Kopf zu kommen, da er gerade eine Abhandlung über die Leere im Innen verfasste, und so verwarf Olf den Gedanken an Schlaf, stand auf und wollte flüchten. Ein vorbeihüpfender Teekessel, der sich als Beamter der Zeitlupe ausgab, verlangte Olfs Passierschein für den Sonnenaufgang. „Die Nacht ist heute überbucht“, zischte der Kessel und spuckte heißen Tee auf Olfs linkes Knie….

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