In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Der Infoborn

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Wer wenig hat, hat auch wenig zu melden. So war das zumindest bisher bei uns im Ort. Mit der neuen Bürgermeisterin, einer Brünetten mit ausladendem Lächeln, wird das jetzt anders. Die ist nämlich eine Bürgermeisterin für alle, nicht bloß für die oberen Zehntausend, hat sie gesagt. Dabei haben wir gar nicht zehntausend Einwohner, aber so genau geht das in der Politik bekanntermaßen nicht. Jedenfalls, damit alle Welt, unabhängig von Einkommen und sozialem Status, Informationen austauschen kann, haben wir neuerdings am Kirchplatz einen Infoborn. Da geht man hin und spuckt seine ganz persönlichen Neuigkeiten in eine Art Weihwasserbecken. Ist das Becken…

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Sehnsucht nach Pershing II

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Kerstin stochert mit der Gabel in ihrem Curry. Die Tofustücke sehen aus wie kleine, zu oft gewaschene Schwämme. „Weißt du noch, dieses Gefühl? Damals? Die Pershing II, ein klares Ziel. So ein ordentliches, gut verpacktes Endzeitpaket.“ Tom schiebt seine Brille hoch. „Endzeit-Geschenkkorb, meinst du. Mit hübscher Schleife und einer Grußkarte vom Kreml. Heute ist es Endzeit-Bingo. Jeden Morgen eine neue Zahl, und keiner weiß, welches Feld man ankreuzen soll.“ Er nimmt einen Schluck von seinem viel zu teuren Craft-Bier. „Damals war es ja fast gemütlich. Der Feind hatte ein Gesicht, eine Ideologie, eine Uniform. Okay, keine schicke, aber erkennbar. Heute?…

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Der hohle Zahn des Zaren

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Der Zar saß beim Frühstück und litt an seinem hohlen Zahn. Die Leere dehnte sich in seinen Mund aus und entfloh in Worten, die sogleich vom Redenschreiber aufgezeichnet und wenig später vom Doppelgänger der Welt vorgetragen wurden. Der Zar fürchtete sich vor der Höhle in seinem Oberkiefer und hätte am liebsten die Krim annektiert, aber das ging nicht, denn das hatte er schon. „Vielleicht“, dachte der Zar, „sollte ich zum Zahnarzt gehen“. Doch die Zahnärzte waren alle im Gulag und der Zar war nur noch von halbseidenen Wahrsagern und zwielichtigen Kaffeesatzlesern umgeben. Also nahm er ein Mittelchen und ging aufs…

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Zu zweit, aber nur ein Auge

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Berthold und Gundula hatten sich arrangiert. Oder besser gesagt, das Schicksal hatte sie arrangiert, in einer jener Launen. Sie teilten sich nicht nur das Dach über dem Kopf und eine spärliche Erbschaft, sondern auch ein einziges funktionsfähiges Auge. Berthold, der Linke, besaß die leere Höhle rechts. Gundula, die Rechte, hatte links nur eine milchige Trübung, die bestenfalls Licht und Schatten unterschied. Das Auge, ein prächtiges Blau, wanderte von einer Stirn zur anderen, je nachdem, wer gerade die Welt sehen wollte. Das Morgenritual war eine Choreographie der Geduld. „Ich brauch’s für die Zeitungsannoncen“, knurrte Berthold und schielte theatralisch mit seiner leeren…

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