In den Tagen der Angepasstheit, wo das Essen nicht mehr blutet, die Habenichtse hingegen schon, drehen die Autoren der Edition Groschengrab den Mist des Lebens zu Perlen. Worte suchen ihren Weg ins Freie. Die Edition Groschengrab hat es sich zur Aufgabe gemacht sie einzufangen. Die Buchdeckel müssen einladend sein, denn die Texte sind widerspenstig und eigenwillig: Sie gehen nicht mit Jedem. Das Anliegen ist, ihnen einen bequemen Platz einzurichten, wo sie sich gerne lesen lassen.

AUS DEM GROSCHENGRAB

Literarisches & Aktuelles

Eine kleine Marschmusik

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Kroll rückte sich den Hut zurecht. Er war dreiundfünfzig, und sein Gesicht sah aus wie eine Landkarte, auf der mäßig bedeutende Kriege eingezeichnet waren. Elena stand neben ihm, das Kleid so grau wie der Asphalt von Essen-Kettwig Anno ’83. Um Punkt acht begann der Boden zu vibrieren. Es war kein Beben, es war ein Takt. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Die Stadt atmete im Gleichschritt, obgleich niemand ein Instrument in den Händen hielt. „Hören Sie das, Kroll?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an, die nach nassem Laub schmeckte. Er nickte. Der Rhythmus kam aus den…

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Das Unvorhersehbare

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Wer über ausreichend Weitblick, Gefühl und das rechte Maß an Phantasie verfügt, dem wird das Wenigste im Leben als unvorhersehbar erscheinen. Die Vorsehung zieht sich jedoch beleidigt zurück, sobald man ihr mit Statistik, Wunschdenken oder Hausverstand auf die Sprünge helfen möchte. Wenn es nur zwei Reiter der Apokalypse gäbe, hießen sie Hausverstand und gesunder Menschenverstand. Aber das ist eine andere Geschichte. Zudem mag sich ein Orakel nicht festnageln lassen. Einmal hielt ich es für eine gute Idee, Bruno Absorbanski und McMurphy miteinander bekannt zu machen. „Kein Vorname?“, fragte Bruno mit hochgezogener Augenbraue. McMurphy schüttelte langsam den aristrokatischen Schädel. Obschon ich…

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Das Mißliebchen

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Prolog Verdichtung muss durch Schichtung entstehen, nicht durch Dehnung. Jeder Takt verdoppelt, um klaustrophobische Enge zu zementieren, ohne den harten Aufschlag der Silben zu dämpfen. I. Statik Wand an Wand. Wand an Haut. Kaltes Echo in den Fugen. Mißliebchen kauert. Mißliebchen harrt. Der Raum wird eng, der Raum wird Fleisch. Die Zeit steht steif. Die Zeit wird Stein. Sekunden tropfen schweres Blei. Schatten rücken. Wände rücken. Das Zimmer atmet Staub der Jahre. Atem flach, flach, fest. Kein Entrinnen aus der Geometrie. II. Bruch Wort splittert. Wort schneidet. Die Zunge vergisst das Weiche, das Warme. Mißliebchen greift ins Leere, greift ins…

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Abglanz gefallener Engel

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Ab einem gewissen Alter beschleicht einen immer öfter das Gefühl, man hätte Sachen schon einmal erlebt. Nicht so ein magischer Moment von dem man Ohrensausen und Eingeweideflattern bekommt, nein, nein, kein Dèjá vu. Ein Dèjà vie eher. Ein Abgrund, der einem mit kaugummigebremster und bleierner Stimme entgegengähnt: „Das schon wieder!“ Manche stürzen sich deshalb kopfüber in noch nie dagewesene Abenteuer, erklimmen Achttausender ohne Sauerstoffgerät, schwimmen mit Alligatoren oder lernen Querflöte. Andere, die weniger Verwegenen, erstellen sich zumindest Listen, auf denen die zu bestehenden Abenteuer eingetragen und abgehakt werden können. Bernadette Pelzfuß hingegen gibt sich der Routine hin. Sie freut sich…

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