Memento Moritz

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Haus flüstert: „Moritz“. Nicht laut, eher ein Zischen zwischen morschen Dielen, Spalten im Mauerwerk und bröckelndem Putz. „Moritz, Moritz,“ haucht es, als Sonne durch seine fahlen Fenster fällt. Staub zeichnet Antlitze, Teilchen in Luft. Stühle stehen verlassen, warten auf einen Gast, der nie kam. Teller, halbvoll mit Brei, steht auf dem Tisch – ein Festschmaus der Fliegen, die fliegen und krabbeln. Garten verwildert, Efeu rankt sich ungestüm an der Fassade empor, birgt Geheimnisse von Spinnen. Unkraut hat Wege erobert. Vergessenheit frisst Rückblick und breitet sich aus wie dichtes Geweb. Draußen kräht Hahn, sein Ruf verzerrt, vedichtet, wie durch einen Kompressor…

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Der Geisterfahrer

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„Ich bin nicht verrückt – ihr seid alle verückt. Total verrückt. Nicht ich.“ Niemand hörte zu, als Heinz „Hank“ Sibelius nach seinem zweiten Schönheitsschlaf aus dem geöffneten Schlafzimmerfenster den Spatzen predigte, und das wusste er auch. „Irre, völlig irre, wenn ihr glaubt, was ihr vorgebt zu glauben.“ Die Spatzen taten, was sie immer taten; ob er schlief oder ob er predigte, war ihnen eins: Sie pickten und zwitscherten, sie tschilpten und schnappten auf, was ihnen vor die Schnäbel kam. Heinz „Hank“ Sibelius schienen sie dabei nicht zu beachten. „Werdet wesentlich! Werdet endlich wesentlich! Dann mache ich auch wieder mit.“ Heinz…

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Parade im Regen

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Herr Klein schlurft durch den Matsch. Noch immer kein Regen, nicht im eigentlichen Sinn, der Vorhersage zum Trotz. Eher ein träger, klebriger Nebel aus verborgen gebliebenen Träumen. Er hat sich einen neuen Hut gekauft, einen Zylinder aus angetrocknetem Kartoffelbrei. Der passt hervorragend zu den Schuhen aus gebrochenen Versprechen, die er heute aus der untersten Schublade hervorgekramt hat. Am Straßenrand spielt ein Esel Akkordeon. Die Melodie, ein verquastes Klagelied über die Unmöglichkeit, Kreise zu quadrieren, während man gleichzeitig versucht, einen unsichtbaren Elefanten zu reiten. Herr Klein zupft an seinem Zylinder. Ein Mann kommt ihm entgegen, weint still vor sich hin. Seine…

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Ein eigenes Süppchen

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Ich sitze mit mir selbst im Restaurant. Wir haben bereits bestellt. Das Gespräch kommt schwer in Gang. Ich: Und was machst du so dieser Tage? Ich: Ich bin beschäftigt. Ich: Womit? Ich: Meistens damit, der Macht des Staates durch inneren Monolog die Grundlage zu entziehen. Mein drittes Auge ist mittlerweile so angewachsen, ich kann die normalen Dinge nicht einmal mehr sehen – mein Bewusstsein derart erweitert, dass ich an den meisten Tagen kaum ein Brot beim Bäcker kaufen kann. Der Kellner kommt an den Tisch. Er trägt eine dampfende Terrine. Kellner: Wer hat die Nummer 6, die Chakra-Suppe, bestellt? Ich:…

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Der Eber und der Papst

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Es ist nun schon so lange her, aber ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, dass wir Jungs im Kreis um ein selbstgemachtes Lagerfeuer saßen und Zigaretten aus Zeitungspapier und zerbröseltem, trockenem Laub rauchten. In unserer Bande herrschten der Eber und der Papst. Das Wort des Papstes war Gesetz, und wenn er sagte, wir rauchen, dann rauchten wir. Der Eber hieß eigentlich Volker Ebert, aber das habe ich erst Jahre später herausgefunden, als sein Bild von der einzigen Litfaßsäule im Ort herabblickte und für seine Körperarbeitskurse warb. Dass der Papst in Wirklichkeit Stephan Winkler hieß, erfuhr ich auf…

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Die Vorzüge eines Schaumbades

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Um zu erkennen, dass in der Welt etwas mächtig gegen den Strich gebürstet wird, braucht es beileibe keine Hochsensibilität. Auftritt dreier, nicht unbeleibter Damen, mäßig fortgeschrittenen Alters in meinem Badezimmer: Du musst unbedingt diesen Test hier machen, riefen sie mir zu. Ich bewundere mittlerweile jeden und jede, die es zustande bringen, das Grau des Lebens ohne den Einsatz potenter psychedelischer Drogen zu ertragen – mir will das nicht immer gelingen. Na, gebt schon her, den Wisch, erwiderte ich launig. Ich stieg aus dem Schaumberg, eine der drei Damen schnalzte anerkennend mit der Zunge. Das ist die Größe für 2 Schöße,…

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Wie ein Pfau, nur mit Zähnen

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Er betrat den Raum, als wäre er Gottes eigener Bruder. Doktor Oktagon, stattlich wie ein Zwölfender, schillernd wie ein Pfau, nur mit Zähnen, donnerte, wie es seine Art war, gleich los: „Wie ihr wisst, betreibe ich seit einiger Zeit recht erfolgreich ein kleines privates Nonnenkloster am Rande der Neubausiedlung. Nun wird es niemanden in Erstaunen versetzen, wenn ich, leider wieder einmal, um Spenden bitten muss.“ Wir schwiegen betreten, schauten einander an. Nicht, dass irgendjemand überrascht gewesen wäre, der gute Doktor kam schließlich mittlerweile dreimal monatlich in die Altstadt, um an der Zitze der Bürgerschaft zu saugen. Und wir gaben alle…

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Das brummende Glück in Schwarz

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Was war die Frage? Inmitten schwerer Stadt, wo tote Schlote im Nebel tanzen, sind die Straßen Adern; die Uhr schlägt Zeit in Töne aus Bronze, brummt seltenes Glück, zwinkert ein Mann in schwarzem Gewand in den Spiegel der Auslage. Weihnachten im Fenster, ein sprühender Vulkan, gelbe Hoffnung, brodelt Ton in Ton funkelnd rote Leidenschaft – inmitten summt, murmelt die Heizung, kostbare Freude, tektonische Warenpracht. Die Antwort lässt die Frage verschwinden und weil es sich uneingeladen wähnt, verblasst grußlos das Glück.

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Der Klang guter Pläne

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Am Morgen, als ich wieder einmal vor mich hin regnete, ohne Ende in Sicht, beschloss ich, fortan ein gottgefälliges Leben zu führen. Es tönte laut in mir. Klingt nicht schlecht, dachte ich, aber wie, und meine Unwissenheit betrübte mich zutiefst, würde ich diesen Klang beschreiben können? Ich erzählte dem vegetarischen Metzger beim Einkauf von meinen Plänen, doch er schüttelte nur bedauernd den Kopf. „Welcher Gott denn?“, sagte er mit matter Stimme. „Der Gottgefälligkeitsgott ist nämlich tot.“ Das war mir neu und ich war aufrichtig erschüttert. „Was ist denn passiert?“, fragte ich. „Ein Unglück? Oder …“ ich senkte die Stimme, „war…

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Das ist ja ein Paradebeispiel

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Wer hat an der Uhr gedreht? Es war wohl Doktor Ephraim Flickspitzel, der untote Künstler, formerly known as Peter Handkäs, Brotherr üblen Angedenkens. „Es ist 5 nach 12, mitteleuropäischer Normalzeit.“ Nie hatte er sich an das Sommerzeit / Winterzeitgedöns gewöhnen können oder wollen. Wohlwollend überließ er es Jüngeren, Uhren umzustellen oder morgendliche Heißgetränke zur Unzeit zuzubereiten. „Fragen müssen doch erlaubt sein“, sagt Flickspitzel, a.k.a. Nobelpreis-Pete, in der ihm eigenen schnarrenden Tonlage, „haben Rechtshänder überhaupt eine Seele? Und wenn nicht, was passiert hinter der Bühne, wenn sich der Vorhang ein letztes Mal für sie schließt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, läuft er…

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