Pauls Polterabend

By

Was ziehst du denn zu Pauls Polterabend an? Hast du dir schon Gedanken gemacht? Ich denke seit Tagen an nichts anderes mehr. Erst wollte ich mein Gouda-Kostüm tragen, aber dann fiel mir ein, dass ich eben dieses schon auf der Beerdigung von seiner vorletzten Frau anhatte, also muss ich mir etwas anderes überlegen. Ich will doch keine alten Wunden aufkratzen. Erinnerst du dich vielleicht, was ich zum letzten Polterabend trug? Ach, da war ich gar nicht, sagst du? Stimmt ja, ich mochte das Motto nicht. Ich fand ‚Einmal ist keinmal‘ irgendwie unpassend und nicht besonders geschmackvoll. Und die Frau mochte…

Read More

Halbwertszeit der Konsequenz

By

Zwischen Pfosten kühle Stille. Mein Netz, zitternd vor Ungeduld, fängt kein Morgenlicht, nur Schatten ein. Garten, ein ungelebter Traum jenseits der Risse. Welt voller Grün, ferne Symphonie von Farben, bleibt mir versperrt, verbotene Melodie in fremdem Takt. Gedanken schweben, Seide als Faden entlang der Zeit gesponnen. Warum bleibt mir die Blättervogelschau verwehrt? Erinnerung verblasst, nur Konsequenz, ein bleiches Gespinst aus vager Schuld, vielleicht ein Jagdspiel, ein zu keckes Abenteuer. Kein Echo erinnert, Fesseln ragen. Warten hoch oben in der Ecke der Vergessenheit. Draußen Flügelschlag, Flattern von Freiheit ohne Maschen. Netz bleibt leer, Geduld still knisternd wie gefangener Tau. Halbwertszeit gestriger…

Read More

Ein Rezept für Tränen

By

a) Der Kunsthandwerker In der blauen Dämmerung seiner Stadt arbeitet der literarische Kunsthandwerker an einem Traktat über die Einsamkeit. Seine Feder, getränkt in Nachtessenz, schreibt von Melancholie, während der Mond wie ein silberner Puppenspieler von jenseits des Fensters dabei zusieht. b) Die Verwandlung Die Tinte entfaltet, wie es ihre Art ist, Harmonien verborgener Träume. Der Kunsthandwerker sucht das Rezept: die Substanz, welche vermag, süße Schwaden aus geborstenen Gedanken zu formen. c) Die Stunde In die Stille durchwachter Nacht mischen die Finger des Kunsthandwerkers Relikte verblichener Zeit: flüchtige Küsse, Erinnerungen an unbeholfene Abschiede und Ungesagtgebliebenes – ein Gebräu aus Besorgnis und…

Read More

Der Ich-Erzähler

By

Als mir vergangene Woche, nach einigen Jahren flüchtiger Geburts- und Feiertagsgrußaustausche, der Ich-Erzähler begegnete, war ich verblüfft und auch ein klein wenig neidisch, wie gesund und fit er aussah. An mir sind die Jahrzehnte leider nicht so spurlos vorbeigegangen „Erinnerst du dich an das Nachbarpärchen, über das du mal eine Geschichte geschrieben hast?“ Bei der Fülle an verfassten Texten erinnerte ich mich nicht, ich vermied jedoch, es vor dem Ich-Erzähler zuzugeben, da ich von seiner überaus launischen Natur mehr als ein Liedchen singen konnte. „Ganz ruhige Leute. Nebenfiguren eigentlich. Damals in deiner Prosaminiatur ging es darum, dass du immer laut…

Read More

Ein Schlückchen Magie

By

Die Pilger waren von der mehrtägigen Wanderung erschöpft, aber entschlossen, das Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Wilhelm und Abel, die stets zankenden Zwillinge, gesellten sich wieder zur Gruppe, nachdem sie Quartier im Pilgerort gefunden hatten. „Wisst ihr, wer der Herr der Herberge ist, die wir ausgesucht haben? Niemand anderes als der Ur-Ur-Ur-Großneffe zweiten Grades der Heiligen Cassilda selbst“ rief Wilhelm, der wie immer der Wortführer der beiden war, schon von Weitem. „Alles wird gut.“ Die Pilger staunten nicht schlecht und ein spürbarer Ruck ging durch sie. Ja, alles würde gut werden, Kraft durchfuhr sie und sogar die…

Read More

Kein Ass im Ärmel

By

Ein Uhr nachts. Die Uhr, ein steter Mechanismus, starrt mit einem einzigen, tickenden Auge von der Wand. Ich liege im Bett und zähle mehr als achtzig Risse in der Tapete. Ich träume. Erinnerungen an Erinnerungen wie vergilbte Fotos, zerfetzt und unvollständig. Ein Mann mit Hut, ein leeres Schachbrett, eine zerrissene Spielkarte mit dem Aufdruck „Kein Ass im Ärmel“. Der Mann teilt sie wieder und wieder aus. Ich hebe abwehrend die Hand. Zwei Uhr nachts. Ein schrilles Kichern dringt aus der Dunkelheit. Ich drehe den Kopf, sehe aber nichts. Ein Wassertropfen fällt von der Decke, landet auf meinem Gesicht. „Regen?“, frage…

Read More

Ein neuer Panzer

By

Ich hatte mal einen Freund, genauer gesagt, einen Bekannten, noch genauer gesagt war er ein berufsmäßiger Bettler vor dem Laden, in dem ich einzukaufen pflege, jedenfalls, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, hatte ich ihn einige Wochen nicht mehr gesehen und allmählich fing ich an, mir Sorgen zu machen. Doch gestern Morgen, ich schloss gerade mein Fahrrad an den zu meinem Supermarkt gehörigen Fahrradständer, kam mein Freund, Bekannter, also der Bettler Kalle, mit Getöse, Gerappel und Geknatter, quietschend und rasselnd, in einem offenen Schützenpanzer auf dem Gehsteig angefahren. Das Brummen und Dröhnen ließ die Passanten sich die Ohren zuhalten; ein…

Read More

Der späte Hermann

By

Nicht nur, dass das Ende der Welt greifbar und immanent zu sein schien, die vor vielen Jahrzehnten prophezeiten Wetterextreme waren nicht mehr seriös zu leugnen. Zwar gab es immer wieder Bequeme, die sich die Freuden und Früchte der Arbeit ihrer Vorfahren nicht nehmen lassen wollten, und es waren einige, aber auch ihnen fiel es zunehmend schwer, über die immer länger andauernden Dürreperioden, die Wirbelstürme, die Hitze oder die Schlammlawinen hinwegzulächeln und sich das sommerabendliche Grillgut unbarft schmecken lassen zu können. „Verzicht ist doch auch nur so ein neo-puritanischer Kampfbegriff. Warum wir uns die Stimmung nicht vermiesen lassen? Weil wir’s können…

Read More

Kein Problem

By

Iris hasst den Weg zur Praxis. Treppenstufen in nahezu unendlicher Anzahl, der Geruch von ranzigem Bohnerwachs, das Knarren der Dielen im Gang stoßen sie fast magnetisch ab. „Ah, Frau Gleichen, Sie sind spät dran heute. Na, erzählen Sie mal! Was ist denn das Problem?“ In der schattenverhangenen Praxis ist es stickig vom aufwirbelnden Staub der Behandlungscouch und der Decke, die zwar frischgefaltet ist, die aber den Geruch von Katzenurin ausdünstet. Die Katze selbst wird stundenweise ins Nebenzimmer gesperrt. Iris entfernt wie immer, wenn sie hier ist, dünne Haare vom Überwurf. „Kein Problem. Ich lebe, wenn Sie das meinen. Zu meckern…

Read More

Lux oder Lumen

By

In einem Vorstadttheater trifft sich der harte Kern der ortsansässigen Laienspielgruppe. Die drei Gründungsmitglieder Erebos, Lykeios und Rita, sitzen nebeneinander in der zweiten Reihe im leeren Saal des Zuschauerraums, starren auf die Bühne und nippen an süßen Limonaden. Die volle Blase zwingt Lykeios, eilig seinen Platz zu verlassen. Rita rückt einen Sitz weiter zu Erebos und flüstert: „Sollen wir einen Blick in seinen Entwurf werfen? Er macht ein Riesengeheimnis um den Text. Lass uns doch mal schauen, was er schon geschrieben hat!“ Erebos ist einverstanden. Rita liest mit gesenkter Stimme: „Okay, aber ich kann seine Sauklaue nur schwer entziffern. ‚Im…

Read More