Salz oder Sieben

By

Man kann sich das im Februar kaum vorstellen, aber es war warm und schön und wir saßen im Park mit Blick auf den Fluss, aßen die mitgebrachten hartgekochten Eier und kamen uns sehr klug vor. Ich sagte, während ich einen Grashalm ausriss: „Mein Dualismus ist nicht Richtig oder Falsch. Meine Dualismen sind Wahrscheinlich oder Unwahrscheinlich, Logisch und Unlogisch.“ Dann klemmte ich den Halm zwischen die Daumen und blies. Ein schrecklich zerfranstes Tröten in hoher Frequenz ertönte. Ein freilaufender Hund hielt vor uns und legte den Kopf schief. Du verscheuchtest ihn mit einem energischen Händeklatschen und er trollte sich. „Mein Dualismus“,…

Read More

Der Salat des Heiratsschwindlers

By

Tage vergehen. Ich werde mir jetzt mal einen Salat machen. Denn schließlich, und das gilt es gerade für einen Mann meines Standes zu beachten, ist unser Körper heilig und dementsprechend pfleglich zu behandeln. Wenn das Wetter mitspielt, werde ich morgen anfangen zu schwindeln. Ihr sollt dann mal sehen, was ein Kavalier alter Schule noch so drauf hat. Den Salat mache ich sicherheitshalber erst später – nichts wäre doch bedauerlicher, als wenn seine Kraft zu früh verpuffte und sie mir beim Heiratsschwindeln dann nicht mehr zur Verfügung stünde – ich esse stattdessen eine Handvoll Nüsse und rauche eine Zigarette. Tage vergehen….

Read More

Seeanemone

By

Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, nicht mehr zu erschrecken, wenn ich Geister und Gestalten aus dem Augenwinkel in meiner Wohnung entdecke. Kein Zusammenzucken mehr, meinem Mund wird kein weibisches Huch! mehr entfahren, wenn ich mal wieder heimgesucht werde. Coolness und Contenance sollen meine neuen Säulenheiligen sein. Gerade gestern, ich führte ein Selbstgespräch, was ich manchmal tue, um bei einer möglichen, mir begegnenden zukünftigen Konversation nicht um Worte verlegen zu sein, überzeugte ich mich, von nun an Gelassenheit und nicht mehr Sorge, mein Leben bestimmen zu lassen. Da bemerkte ich, dass mir die ganze Zeit ein Gespenst auf…

Read More

Abschluss

By

Pletha, der Kreter sagte laut und überdeutlich: „Ich hasse Menschen, die andere beurteilen und werten.“ Er zog vor uns eine Uniform an und fühlte sich endlich wie Wurst in Pelle und nicht mehr nur wie formloses Brät. Wir anderen sammelten uns im Halbkreis – unter Wahrung eines gewissen Sicherheitabstands – um ihn; Pletha war im Ort für seine oftmals recht feuchte Aussprache bekannt, man tat gut daran, ihm nicht zu nah zu kommen. Dann fing er an zu schreien. Und zu spucken. Er schrie und er spuckte, er schaute uns Zivilisten dabei verächtlich an: „Ich muss mich nicht entscheiden. Ihr…

Read More

Vom Finden

By

Eines Tages war mein Hut weg. Einfach weg, einfach weg. Verzweiflung stieg in mir auf, denn mein Hut war weg, einfach weg. Gestern noch hatte er mich geschützt, meinen Kopf geschützt, vor Regen geschützt. Nun war er weg, einfach weg. Die Zeiten waren nicht gut, sind es noch immer nicht. Zu sagen, sie seien schlecht, war unmöglich geworden, unausgesprochen verboten. Die Zeiten waren nicht gut und sind es noch immer nicht. Ich beschloss, ihn zu suchen, im Wald zu suchen. Ich machte mich auf, unbeschützt auf, meinen Hut im Wald zu suchen, zu suchen, fest entschlossen, ihn zu finden. Ich…

Read More

Frische Suppe

By

Wenn Oma Frische Suppe machte, roch schon das Treppenhaus nach Verwesung. Ich wurde bei ihr abgesetzt, und meine Eltern fuhren weiter zu ihren Unternehmungen. Mutter war seit einiger Zeit Hobby-Paläontologin und Vater fand es nicht gerecht, wenn sie alleine zu den Grabungsstätten fuhr. Er war ein Mann vieler Leidenschaften, doch ein eigenes Hobby war nicht darunter. Außerdem wurde seine Persönlichkeit von Eifersucht und Verlustängsten dominiert, Charakterzüge, die er mir, wie den Hang, nach den Mahlzeiten unangekündigt auf dem Küchenstuhl einzunicken, nach seinem frühen Ableben, selbstlos vermacht hat. Sonst erbte ich nichts; während alle Verwandten sich mit seinem Hab & Gut…

Read More

Spiel der Ungewissheit

By

„Ich mache Literatur aus jeder erdenklichen Szene“, sagte er, ziemlich prahlerisch. „Hier, schau dich um! Was siehst du? Den Steg, auf dem du und ich stehen, dort eine leere Rettungsringhalterung, das tiefgraue Meer, die Wolken, die sich türmen. Wir drehen uns um zu den Dünen, da hinten die Buchen, das Liebespaar am Strand, die lehnen sich gegen den Wind und halten sich an den Händen, als würde der andere sonst von einer Böe fortgerissen, vier, nein, fünf Möwen. Das perfekte Setting. Jetzt fehlen uns noch ein paar Zutaten für die Handlung. Ein Konflikt. Aber was guckst du mich schon wieder…

Read More

Sugestio

By

Sie sagt: „Fische schwimmen, Fische essen, schwimmen, werden gegessen.“ In einer grauen Stadt, es wird Mitte Oktober gewesen sein, wachsen in jeder Straße Aquarien auf Fensterbänken, fest verankert in den Bleibeschichtungen der Simse. Er sagt: „Seien Sie nicht schüchtern, Sie können mir ganz unbesorgt Fotos Ihrer Brüste schicken.“ Jeder, der eines dieser Aquarien bekommt, erlebt eine Verwandlung und gewinnt neuen Lebensmut. Sie sagt: „Man kann aber auch so tun, als müsste man nur so tun.“ Der Satz kommt ihm merkwürdig vertraut vor und das sagt er ihr. Sagt sie: „Haben Sie selber erst neulich gesagt. Aber ich schicke Ihnen erstmal…

Read More

Kraft, die ihresgleichen sucht

By

„Wer produziert denn hier wieder Strom?“ Vaters Stimme klang ungehalten. Wir Kinder schauten einander betreten an. „Ich seh es doch auf dem Zähler; irgendjemand hat hier wieder Strom produziert.“ Seit uns Onkel Werner letztes Jahr zu Weihnachten einen seiner handbetriebenen Dynamos mitgebracht hatte, war die Stimmung bei uns zu Hause schlecht. Vater wollte nicht im Kreise seiner Angehörigen als Energie-Bittsteller dastehen, vor allem nicht vor seinem älteren Bruder Werner, der schon immer das schlohweiße Schaf der Familie gewesen war und der, seitdem ich mich erinnern konnte, ein Auge auf meine Mutter geworfen hatte. Meine kleine Schwester fing an zu weinen….

Read More