Lebensumstände

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Ich wohne in einer zentral gelegenen 2½-Zimmerwohnung ohne Balkon und Meerblick. Seit zwei oder drei Jahren habe ich keine Nachtigall mehr gehört. Vorher jedes Jahr, bestimmt 20 Frühlinge hintereinander. Eines Morgens bemerkte ich zu meiner sehr geringen Freude, dass sich mehrere Kohorten Termiten ein Lager errichtet, und sich häuslich in meinem großen Zimmer, das ich in besseren Tagen als Wohn- und Musizierzimmer nutzte, niedergelassen hatten. Groß war mein Erstaunen, mäßig mein Entsetzen ob meiner sehr dynamisch erscheinenden Mitbewohner; sie waren äußert aktiv und schufen Behausungen, Gebäude von nahezu graziler Anmut, die selbst ein in architektonischen Dingen unbewanderter Mensch wie ich…

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Beim Kunstarzt

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Seit einiger Zeit gehe ich regelmäßig zum Kunstarzt, um mir die Kreativitätsdrüsen ausdrücken zu lassen. Ich komme ja jetzt in die Jahre, in denen nicht mehr alles automatisch flutscht und bin ganz froh, dass ich nach langem Suchen endlich einen Facharzt, eine ausgewiesene Koryphäe, von einer befreundeten Illustratorin empfohlen bekommen habe. Der Kunstarzt ist nicht auf eine Gattung spezialisiert. Das ist für mich von besonderem Vorteil, da ich beim Markieren meines seelisch-geistigen Reviers kaum mehr kontrollieren kann, ob ich ein Lied komponieren, ein Bild schaffen oder einen Text verfassen werde. Dem Doktor ist es einerlei; er behandelt Dichtende, Musizierende und…

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Passion

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Für die Sünden der Menschheit zu sterben, sich zu opfern, ist ja leicht für einen jungen Mann. Was hat man denn schon zu verlieren? Ich habe es mittlerweile im Kreuz; es zwickt und zwackt, es zieht und zerrt; das Alter nagt, es zehrt an mir. Ich wollte immer sein wie er, in Gedanken war ich wohl schon er, bereit mich aufzuopfern, dem Leben von der Schippe zu springen. Das hätte dem Ganzen einen Sinn gegeben. 6, 11, 29, 30, 35, wo kamen dann plötzlich die Zahlen her, ich wäge ab, mal so, mal so, und denke, es ist gut, weitergelebt…

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Prozessor Hastig

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Neulich hatte ich Grund zu feiern und beschloss, mir trotz der großen Teuerung, die über das Land gekommen war, einen Falafel zu kaufen. Ich bestellte einen Teller und schaute mich im Laden um; ich war längere Zeit nicht mehr ausgegangen. Sie hatten natürlich die Preise erhöht und die Portionen verringert. „Alle Soßen?“, fragte mich der Händler. „Oder lieber nicht?“ Ich nickte, was seine Frage nicht beantwortete, aber mein Blick war auf einen unförmigen Kasten neben dem Drehspieß gefallen. „Was ist denn das für ein Ding da hinten? Das war aber letztes Mal noch nicht da.“ Er schüttete mit einer kleinen…

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Fotogen

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An den Wänden Kalender vergangener Jahre, ein einzelnes Kinderbild daneben. Ich sei, so wurde es mir durch stete Wiederholung ins Bewusstsein geträufelt, ausgesprochen fotogen. Das muss etwas ganz besonders Gutes sein, so deutete ich die Blicke meiner Eltern auf die Bilder in den Papierumschlägen, die noch einen Hauch von Entwickler trugen. Lichterregend, so erklärte meine Schwester, sei das deutsche Wort für meine Eigenschaft, und das leuchtete mir ein, funkelte ich doch mit den Frühlingstagen um die Wette. Kaum dass ich auf Mitmenschen traf, erstrahlte ich, glühte förmlich, spendete Helligkeit und Wärme, als gäbe es kein Morgen. Heute verbringe ich die…

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… außer man tut es

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Ich lasse seit neuestem meinen inneren Schweinehund die Texte schreiben, die mir das Leben diktiert. Der sitzt dann statt meiner am Schreibtisch, während ich mich um andere Dinge kümmere. Ab und zu schaue ich bei ihm vorbei, frage höflich, ob ich ihm zu seinem Glück irgendwas reichen könnte, das Wasser etwa oder eine Handvoll getrockneter Linsen, und wenn er verneint, was er eigentlich immer tut, dann lasse ich ihn in Ruhe weiterarbeiten. Wenn er jedoch durstig ist oder einem kleinen Snack nicht abgeneigt, dann kommen wir wie heute ins Gespräch. „Worum geht’s denn?“, fragte ich unverbindlich. Der Schweinehund spülte die…

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Krankenbesuch

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Zu Gast beim Elefanten, beim Verwandten, dem grauen Vorstadtdilettanten, dir Onkel in lebendem Angedenken will ich etwas schenken, mich bedanken, beim Onkel, beim Kranken. Das Teppichmesser singt, von Ferne klingt ein Lied wie schon zu Kinderzeiten. Du widersprichst, ich halte einen Finger vor die Lippen – wir wollen nicht streiten: Nicht am erdachten Horizont. Hohles Pfeifen, und am Himmel weiße Streifen, wir greifen nach ihnen, wieder einmal nach Wolken, nach Zahlen, nach Wahrscheinlichkeiten, ich schlucke angesichts deines Zustands den schalen Geschmack hinunter. Werde wieder munter, rufe ich beim Gang nach draußen dir noch zu. Du hebst die Daumen, wie zur…

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Auf dem Jahrmarkt der Einsamkeiten

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GEWINNE * GEWINNE * GEWINNE Ich kann Ihnen gar nicht adäquat vermitteln, wie glücklich ich bin, Sie hier und heute begrüßen zu können. Hier, an diesem historisch bedeutenden Ort – heute, zu dieser festlichen Stunde. Waren Sie bereits bei uns in der Praxis oder begrüßen wir Sie zum ersten Mal? Das Hier und Heute, das Hier und Jetzt, das Hic und auch das Nunc. Geschwister wie Prinzipien wie Dur und Moll, wie Ex und Hopp. Komme, wer wolle, wer hat noch nicht, wer will noch mal, komm’se rein, komm’se näher, komm’se ran! GEWINNE * GEWINNE * Gewinnen Sie, wenn andere…

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Späte Polemik gegen Nobelpreisträger G. „Ich habe das immer als Makel empfunden“ G.

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Gras gefällig? Grass, die kaschubische Nachtigall, lehnt, auf die Pfeife im eigenen Mund weisend, das Angebot ab. Und vergisst darüber wieder einmal, einstige Zugehörigkeiten und die geleisteten Schwüre zu erwähnen. „Wer will mir das Wasser, den Kelch, den bis zum Rand mit Wasser gefüllten Kelch reichen?“ Scheint seine Haltung auszudrücken. „Bleibt mir bloß weg mit eurem Zeug, ich trällere nicht, ich trapse.“ Aber die Ernte, die Trommel, aber die Wörter! Aber die Worte und ihre Bedeutung, aber die Trommel. Mit zuckenden Waden. Und Zucker, wie Baisers. Mit Aalen und Köpfen – das ist Gold, literarisches Gold, dynamitpreisverdächtig. Wirklich keinen Zug…

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Der Nachruf

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Kaum-Ich: Hast du den Nachruf schon geschrieben? Nicht-Ich: Der liegt seit gut fünf Jahren druckfertig in meiner Schublade und wartet nur auf seine Veröffentlichung. Kaum-Ich: Dann kann es ja losgehen. Beziehungsweise enden. Den Anfang vom Ende haben wir bereits hinter uns gelassen. Und durchqueren gerade den Schluss der Mitte vom Ende. Nicht-Ich: Es scheint fast, als wolle der HErr ihn nicht bei sich haben. Kaum-Ich: Ich glaube nicht, dass der HErr nach traditioneller Lesart viel mit ihm zu tun haben wird. Nicht-Ich: Dann ist es vielleicht der Herr der höllischen Wehklagen, der es durchaus noch abwarten kann, ihn an seiner…

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