Tanz der Ambivalenzen

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Einerseits mag ich keine Fremdwörter und den Witz mit Catherina Ambivalente habe ich bereits vor zehn Jahren in einem Text verbraten. Das passiert mit der Zeit immer öfter, dass ich eine schneidige Formulierung benötige, aber sie ist gar nicht mehr schneidig, sondern steht verbraucht und stumpf in einer alten Geschichte, für die sich schon niemand interessiert hat, als sie noch aktuell war, was eine Mischung aus Düsterkeit und Verbitterung in mir weckt, für die ich mich räche, indem ich ellenlange Sätze hinschreibe, die am Ende nichts aussagen, nur um meine Leser zu ärgern. Aber andererseits: Protoplasma. Das ist ein feines…

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Die schwebende Kugel

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Die Leute dachten, es würde sich niemals etwas ändern. Doch seit der Haderlump ein Projektil mit seinem Ohrwaschel aufgefangen hat, ist nichts mehr, wie es war. Kreischend tanzt der Herr der Schöpfung mit seinen Lakaien, sie wirbeln in einer Mischung aus Bräsigkeit und Hysterie über die Bühne, präsentieren der Menge ihre roten Hinterteile und picken sich gegenseitig Flöhe aus dem Pelz, um diese dann in Siegerpose in die Höhe zu halten, während die anderen Primaten sich beschämt abwenden. Ich wünschte, das Publikum würde einfach gehen, die Bande unbeachtet stehenlassen. Oder wenigstens zu Seite treten. Dann wäre ich eine schwebende Kugel,…

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Im Bann

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Früher, als die Welt noch magisch war, belegte man die Böslinge mit einem Bann, damit sie keinen Schaden anrichten können. Zugegeben, ganz so einfach war das nicht, und es ist auch nicht die Wahrheit, aber es könnte immerhin ein klein wenig wahr sein. Und das genügt heutzutage. Vielleicht hat es auch früher schon genügt, wer weiß das schon? Für Ruben Pelzfuß spielt das keine Rolle. Ruben Pelzfuß ist zornig. Man hat ihn aus dem Paradies vertrieben, ohne dass er je eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet hätte. Das ist schlicht skandalös. Sippenhaft ist das. Ungeheuerlich. Er beißt die Zähne…

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Eine Zeit der rüden Worte

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Diese Gleichzeitigkeit von Todesangst und Sorglosigkeit erweckt den Wunsch in mir, die Leute zu schubsen oder zu stechen oder ihnen die Haut mit einem Spargelschäler abzuziehen. Irgendwas, damit sie danach tot sind jedenfalls. Es sollten überhaupt viel mehr Leute tot sein. Über die Toten spricht man nur Gutes. Einen angenehmen Umgangston gäbe es und mehr Platz und weniger Kohlendioxid und keine Massentierhaltung. Ein Spargelschäler? Echt jetzt? Das ist nur ein Beispiel, wie man mit einem an sich harmlosen Haushaltsgerät ein Blutbad anrichten könnte. Schau nicht so. Ich mache es ja eh nicht. Wie sollte das auch gehen? Die meisten Leute…

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Schinderellas therapeutische Busfahrt

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Die Frau am Fahrkartenschalter schaut mich böse an, als ich ihr erzähle, dass ich bereits ohne Erfolg versucht hätte, die Karten online zu kaufen. „Bei uns gibt es nichts online“, sagt sie und spuckt in ein Porzellanschälchen auf ihrem Tresen. Dann verschränkt sie zufrieden die Hände vor dem Bauch und schweigt. Ich warte einen höflichen Moment und deute mit der Hand auf ein Schild, das an der Glasscheibe hängt. „Schinderellas therapeutische Busfahrt“, steht dort in gutgelaunten, bunten Buchstaben. „Zweimal, bitte!“ Die Frau betrachtet die Spuckebläschen in ihrem Schälchen, macht jedoch keine Anstalten, mir die Fahrkarten zu verkaufen. „Es soll ein…

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Ein fremder Käfer

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„Über manche Dinge kann man einfach nicht mehr schreiben!“, ruft der junge Mann mit dem Dichterhaarschnitt aus und schreitet leidenschaftlichen Schrittes und nur mit einem zerknitterten Leintuch bekleidet in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Jane Pelzfuß umklammert ihre Kaffeetasse mit beiden Händen, betrachtet vom Bett aus seinen Rücken und bemüht sich, an etwas anderes zu denken. Zu diesem Behufe sagt sie leise „Echt?“. Das Fragezeichen ist nur ein Hauch, mit dem sie die Gedanken in eine andere Richtung pustet. Der junge Mann hat es gehört und fährt fort: „Ja, echt! Über eine Revolution der Tiere oder eine Welt, in der…

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Eine Oktave zu tief

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Als Kind dachte ich, die Oktave sei die Primaballerina unter den Protisten. Unter meinem geistigen Mikroskop schwebte sie auf plüschigen Scheinfüßchen dahin, neigte graziös ihre Geißel und ließ ihre Wimpern zittern, um dann in einer wilden Pirouette zu den Klängen von Prokofjews Cinderella über den Rand des Objektträgers hinauszutanzen und ihren durchscheinenden Leib in der Sonne zart schimmern zu lassen. Allerdings musste man als Oktave Obacht geben, dass man nicht zu tief sank. Denn dort unten, in einem vom menschlichen Ohr ungehörten Sumpf, lag die Sub-Kontra-Oktave auf der Lauer. Stets bereit, gefallene Tänzerinnen für ihre Sache zu rekrutieren, lungerte sie…

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Der Geruch von Leder

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Hier stinkt es. Man sagt das so dahin. Wie man eben auch sagt: Wir gehen nach Norden. Oder: Es gibt Erbsensuppe. Und dann erwartet man, die Leute müssten einen verstehen. Doch Gerüche sind heikel. Je nach Person kann betörendes Aroma fauliger Mief sein. Der Geruch von Leder entführt Paula Pelzfuß in ihre Kindheit, geradewegs in die indianische Phase ihres Vaters. Im Wohnzimmer lagen Elchhäute so hoch aufgestapelt, dass Paula Pelzfuß nicht darüber hinwegsehen konnte. Der Vater saß im Schneidersitz auf einem kleinen Teppich, pfiff ein fröhliches Liedchen und nähte mit einer Knochennadel neue Garderobe für die ganze Familie. Als Faden…

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Udo und die narrischen Schwammerl

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Udo steht vor dem Spiegel und zieht mit den Fingern die unteren Augenlider Richtung Kinn. Dazu macht er ein Geräusch wie ein Schlossgeist. Sein Gesicht hat die Farbe eines zweihundert Jahre alten Bettlakens. Udo streckt seinem Spiegelbild eine gelblich belegte Zunge heraus und knurrt. Bei Udo klappt nie was. Egal, was er anfängt, immer hat es bereits ein anderer Udo besser, schöner, spannender oder wenigstens gleich gut gemacht. Der Schmerz darüber wird mit der Zeit weniger schneidend, doch die Wunde verheilt niemals. „Ist ja witzig, unser voriger Fußballtrainer hieß auch Udo.“ „Ts. Udo. Mit dem Vornamen müssen Sie als Schlagersänger…

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Der Fensterputzer vom Elfenbeinturm

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Als ich damals in den Elfenbeinturm gezogen bin, habe ich mir keine großen Gedanken über die Nachteile gemacht. Es ist eine extravagante Adresse, die Leute stellen sich Wunder was vor, aber fast niemand kommt, um es sich anzusehen. Die selbstgewählte Einsiedelei imponiert vielen Menschen, ganz im Gegensatz zur Einsamkeit, zu der man von den gleichen Menschen verdammt wird, weil man abstehende Ohren und Mundgeruch hat, einem in Gesellschaft die Gedanken nicht ordentlich aus dem Kopf wollen oder es einem an Anmut fehlt. Über all diese Verdächte bin ich erhaben, seit ich den Turm bewohne. Das Geländer der Wendeltreppe rutsche ich…

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