Das Kind

By

Im Gegensatz zu den Frauen aus Rundfunk und Fernsehen, bekam ich das Kind nicht unter Schmerzen, wie der Herr es angeordnet hat. Es saß eines Morgens am Küchentisch, als sei es aus einem Werbefilm für arisches Dauerbrot geflohen. Einzig der bis zum zweiten Gelenk ins Nasenloch gebohrte Zeigefinger verlieh ihm etwas Menschliches. Dass ich nichts mit dem Jungen anzufangen wusste, ist meiner Egozentrik und Introvertiertheit geschuldet. Achselzuckend meldete ich ihn an einer gewöhnlichen Schule an. Er steckte voller Klugheit und Neugier, was ihm dort nicht auszutreiben war. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an ihn und er übergoss mich mit…

Read More

Die Feige

By

Die Nacht ist mir auf den Kopf gefallen. Mit einem Schlag dunkelt es. Davor fürchte ich mich nicht. Es gibt immer einen guten Grund ein Feigling zu sein. Einmal hatte ich Wichtigeres zu tun. Ein ander Mal machte ich mir Sorgen um meinen guten Ruf. Oder war es ein behagliches Leben? Wenn er mich gebeten hätte. ‚Sei kein Feigling, bitte!‘ Von hier oben sieht das Städtchen ganz freundlich aus. Die Hügel am Horizont, davor eine Ebene – ich würde gerne sagen, es sei eine Steppe. Ich schätze Übersichtlichkeit. Deshalb gefällt es mir gut, dieses Haus mit dem Türmchen, am Hang eines Weinbergs. Die Straße zum…

Read More

In Wahrheit

By

In Wahrheit trage ich gefrorene Wolken anstatt eines Gehirnes im Kopf. In Wahrheit will ich ein Sonnensystem, das auf meinen Namen getauft ist, entdeckt von einem Doktor der Physik, der roten Auges und krank vor Gefühl jahrelang den Nachthimmel danach abgesucht hat. In Wahrheit soll ein Störfeuer in meinem Ohr angezündet werden. Das schmilzt den Wolkenfrost zu Tropfen, die mir das Rückenmark hinab rinnen und ich bekomme endlich Platz für ein Gehirn. In Wahrheit bin ich nur auf das Knistern im Gehörgang aus, damit ich den Panflötenspieler nicht mehr hören muss. Dann bin ich frei vom Drang ihn mit seinem…

Read More

Bettelmanns Herberge

By

„Bettelmann, Bettelmann, Siegerkranz und Opferlamm!“, singen die schmutzfüßigen Kinder bis Heute in den Gassen und außer mir weiß niemand mehr warum. Es muss im siebten oder achten Monat des Großen Krieges Anderswo gewesen sein, als ich Bettelmann begegnete. Er hatte die Angewohnheit, mitten im Satz innezuhalten, den Kopf nach hinten zu beugen und durch einen Spalt zwischen den Schneidezähnen einen feinen Strahl zu spucken. Dabei war es Bettelmann gleichgültig, ob sich die Umgebung eignete bespien zu werden. Zusammen mit dem Tabaksaft aus feinstem Pfriem versprühte er Charme und allerlei Geistreiches, sodass kein Mensch an dieser Unart Anstoß nahm. Verkrustete Existenzen zogen…

Read More

Das lahme Ohr

By

Oberinspektor müsste man sein. Nicht bei der Polizei oder dem Finanzamt, Gott behüte! Eine obskure Behörde will ich. Irgendein Mischdings aus Schlösser und Seen, Gastgewerbe und Strafvollzug. Das Geschäft mit der Aufseherei ist mir nämlich in die Wiege gelegt. Dumm nur, dass ich ein lahmes Ohr habe. Nie weiß ich, ob das Feldaufschwung oder Felgaufschwung heißt. Dabei ist das so wichtig: für das Bruttosozialprodukt, die Bankenkrise und das große Blablabla. Mit dem bösen Wolf. Schließlich muss man für Kuchen und Wein Platz haben. Körbchengröße. Körbchengrüße. Warum hab ich so große Brüste? Das ist unpraktisch beim Geräteturnen. Zur Schlafenszeit ging alle…

Read More

Bratwerk

By

Das quietscht wie eine Maschine, die jahrzehntelang nicht in Betrieb war. Oben gibt es einen Trichter, da steckt man rein, was immer man quälen will. Zuerst fällt man durch einen Tunnel, dessen Wände mit Spießen, Haken und Stacheln bedeckt sind. Das ist nicht so schlimm, aber das weiß man noch nicht. Erst im Walzwerk bemerkt man das. Manche haben Riffel, andere sind glatt oder kleine Nägel stehen hervor. Die eine ist heiß, die nächste lässt einen frieren. Mal drehen sie sich links- mal rechtsherum. Gerade das richtige Gewicht haben die Walzen, damit man nicht zerquetscht wird, sondern nur einen Eindruck…

Read More

„Unbehagen in Bad Sodom“ – ein Blick ins Buch

By

Samuel Duda seufzte innerlich. Nach außen drang kein Laut. Er ließ von der Kiste ab und setzte sich. Traurig blickte er aus dem Fenster. Zäh quoll der Verkehr durch die Hauptstraße von Bad Sodom. Er schaute auf die andere Seite der Straße, wo auf den Dachterrassen die Nachmittagssonne alles in warmes Licht tauchte. Da drüben, dachte er, müsse die Welt in Ordnung sein. Die Straßenseite, auf der er lebte, lag wie immer im Schatten. Er hatte den ganzen Vormittag versucht, die vermaledeite Kiste zur Wohnungstür zu schaffen, aber sie war zu schwer. Und selbst wenn er die Wohnungstür erreichen würde,…

Read More

Stimmungskanone

By

Die Hitze hielt die Stadt im Griff, wie eine träge Bulldogge einen Knochen zwischen den Zähnen trägt. Müdigkeit lag mir auf dem Leben und ich sehnte mich nach jemandem, der mir die Leber lausen möge. Um mich her sann man über diktatorische Freiheiten nach, freute sich an schnödem Kram und verlangte mir das Äußerste ab. Das Gebirge der unerledigten Aufgaben schimmerte am Horizont in der Abendsonne. Die Tür ging auf. Herein kam der Tod. Sein mageres Eselchen hatte er im Flur an ein herumliegendes Kabel gebunden. Er stieg über ein Häufchen Schmutzwäsche und sah sich müde nach einer Sitzgelegenheit um….

Read More

Schlagobers

By

Bei einer Verkaufsveranstaltung für Heizdecken im schönen Sobibor wurde mir zum ersten Mal klar, dass Schlagobers kein militärischer Rang ist. Die Reisegesellschaft bestand aus muffigen Scharteken und Veteranen mit Kassenprothesen. Nachdem wir eine Schmiede besucht hatten, wo alle einen glühenden, in dampfende Lappen gehüllten Rank zum Andenken bekamen, stolperten wir frierend in ein Wirtshaus. Zum Kaffee verlangten die Damen gierig danach. In Erwartung eines Gemetzels starrte ich angstgelähmt zu Boden, denn am Nebentisch saß ein hochdekorierter Woiwode mit lauthals rasselndem Säbel. Meine Anspannung wandelte sich in erleichterte Enttäuschung als der Wirt murrend ein Töpfchen mit steifer Sahne auf den Tisch…

Read More